Textatelier
BLOG vom: 01.06.2006

„Der Bund“: Mit Sparen und Kooperationen über die Runden

Autor: Walter Hess
 
Er gehört zu den Schweizer Traditionszeitungen, „Der Bund“, den es seit 1850 gibt. Obschon er in der Bundeshauptstadt erscheint und also von der unmittelbaren Nähe der national bedeutsamen Geschehnisse im „Bundes-Bern“ profitieren kann, schaffte er es doch nie zu einer Zeitung von nationaler Verbreitung. Diese Tageszeitung war immer so etwas wie eine kantonal-bernische Regionalzeitung, was aber nicht unterschätzt werden kann; denn Bern ist ein für Schweizer Verhältnisse grosser Kanton.
 
Allerdings grast in jenem ländlichen Kanton auch die „Berner Zeitung“ (BZ), die 1977 aus den „Berner Nachrichten“ und dem „Berner Tagblatt“ hervorgegangen ist, eine typische Mainstream-Zeitung zum Anschauen mit einer als Inhaltsverzeichnis konzipierten Titelseite. Sie hat den „Bund“ auflagemässig weit überrundet (Zahlen von 2005/6: „Berner Zeitung“ 165 700, „Bund: 60 400). Ich habe während meiner eigenen Jahre auf der „Aargauer Tagblatt“-Redaktion den „Bund“ vor allem wegen der grossen Reportage auf Seite 2 geschätzt, die es heute noch gibt („Thema“), die Zeitung aber wegen der schmalen (6) Spalten, die Unruhe signalisierten, bald wieder weggelegt. Allzu kurze Zeilen bremsen das Lesen. Immerhin ist anerkennenswert, dass die Zeitung auch die Neukonzeption 2002 äusserlich einigermassen unbeschadet überstanden hat; eine gewisse Noblesse im Auftritt ist erhalten geblieben.
 
„Der Bund“ musste in jüngster Zeit Sparrunde um Sparrunde über sich ergehen lassen, und Abbaumassnahmen inhaltlicher Natur sind für anspruchsvolle Leser nicht eben eine Verlockung. Unter dem Spardruck wurde zwischen 2000 und 2006 etwa die Hälfte der Redaktionsstellen auf etwa 70 abgebaut – und ebenfalls um rund 50 % ist seither das Inseratevolumen der grossen Tageszeitungen gesunken. Zudem wurde der Sportteil an den lokalen Konkurrenten „BZ“ ausgelagert, um die redaktionelle Unabhängigkeit wenigstens der weiteren Ressorts erhalten zu können, wie es hiess. Der aus dem Kanton Appenzell stammende Chefredaktor Hanspeter Spörri (seit Januar 2001 im Amt) fügte bei, als Alternative wäre ihm nur die Möglichkeit geblieben „mit dem Rasenmäher durch die gesamte Redaktion zu fahren“. Ja, wenn man im Wurzelbereich angekommen ist, ist genug gemäht.
 
Selbst auf seinen Leserrat musste das Blatt aufgrund des Spardrucks seit Januar 2006 verzichten. Dieser Rat hatte die Arbeitsweise der Redaktion zu überprüfen und die mit der Sicht des Publikums zu konfrontieren – er nahm also eine Beraterfunktion wahr. Wo Berater beigezogen werden, bedeutet das allerdings immer, dass sich das Management nicht mehr zu helfen weiss. Wo die Leserbedürfnisse liegen, sollte eine Redaktion eigentlich von selbst herausfinden, vor allem aufgrund der Leserreaktionen.
 
Statt langfristig zu planen und in die inhaltliche Qualität zu investieren, wird üblicherweise redaktionell abgebaut, und es werden Inserenten geködert, die wohl am liebsten eine stark beachtete Plattform hätten. Stattdessen läuft dann alles über Rabatte: So hat der „Bund“ zusammen mit der „Basler Zeitung“ und dem „Tages-Anzeiger“ ein Weekend-Angebot lanciert: Jede nationale Inseratekampagne, die am Samstag in diesem Pool gebucht wird, erscheint am Montag noch einmal ohne Aufpreis, eine gegen Pendler- und Sonntagszeitungen gerichtete Aktion. Das läuft unter dem Motto „Zukunftssicherung“ (laut dem Konzernchef der Espace Media Groupe, Albert Stäheli, welche die Gratiszeitung „heute“ druckt und somit der Pendlerpresse verbandelt ist). Die roten Zahlen müssen möglichst schnell weg, und dann wird man weitersehen. Neoliberalismus: Schnelle Gewinne ohne Weitblick..
 
Wem gehört „Der Bund“?
Komplexe und ständig wechselnde Besitzverhältnisse sind ein Zeichen dieser durch Finanzspielchen beunruhigten Zeit, was natürlich auch auf die Firmenphilosophien durchschlägt, die ebenfalls nicht zur Ruhe kommen. „Der Bund“ wird von der Bund Verlag AG herausgegeben; Verleger ist der Berner SVP-Ständerat Hans Lauri. ie Aktiengesellschaft gehört zu 20 % Prozent der Publicitas und zu je 40 % der NZZ AG und der Escape Media Groupe, diesem Verlagshaus der Berner Zeiitung. Die Aufgabe der verlegerischen Selbstständigkeit war eine Folge von Fehlbeträgen in Millionenhöhe, die der „Bund“ während Jahren eingefahren hatte. Seine früheren Eigentümer, die Züricher Verlagshäuser Ringier und NZZ AG  verspürten allmählich keinerlei Lust mehr, die Verluste zu tragen. 2004 belief sich das „Bund“-Defizit auf 0,7 Mio. CHF und 2005 auf 2 Mio. CHF.
 
Die Espace Media Groupe ist seit 2004 für das Verlagsgeschäft des „Bund“ verantwortlich, Den weiteren Verlauf der „Bund“-Geschichte kann man sich unter diesen Gegebenheiten lebhaft vorstellen. Anzeigenkunden können seit der Einführung des so genannten „Berner Modells“ (1 Verlag, 2 Zeitungen) – nur noch Inserate in beiden Titeln buchen. Bei diesem „Modell“ wurden die „Berner Zeitung“ der Espace Media Groupe und der „Bund“ zusammengeführt: 2 konkurrenzierende Zeitungen mit je einer selbstständigen Redaktion unter einem Verlagsdach, wahrscheinlich eine Vorstufe der Fusion.
 
„Bund“ und „Berliner Zeitung“: Chefredaktoren werfen das Handtuch
Hanspeter Spörri mochte den Niedergang nicht weiter begleiten und kündigte Ende Mai 2006. Trotz der „unterschiedlichen Auffassungen über die Führung und Weiterentwicklung der Zeitung“ erfolge die „Trennung dennoch in gegenseitigem Einvernehmen“, hiess es in der Mitteilung, die Wogen glätten wollte. Der Handtuchwurf erfolgte nur wenige Tage nach einem ähnlichen Vorfall bei der „Berliner Zeitung“, das ehemalige SED-Blatt, das sich nach der Wende sehr gut entwickelte und schwarze Zahlen schreibt, jetzt aber auf Maximalrendite getrimmt werden soll.
 
Dort ist die neoliberale Globalisierung ein Stück weiter fortgeschritten, indem ausländische Investoren ihren Einfluss geltend machen. So hat eine Investorengruppe um den aus Irland stammenden David Montgomery, ein knallharter „Sanierer“, den Berliner Verlag von Holtzbrinck übernommen. Der Chefredakteur Uwe Vorkötter akzeptierte die damit verbundenen Abstriche an der journalistischen Qualität und wechselte mit Getöse zur „Frankfurter Rundschau“.
 
Die Redaktion der „Berliner Zeitung“, von Wut und Angst gezeichnet, kämpfte mit allen Mitteln gegen den neuen Eigentümer, den sie als Heuschrecke bezeichnete, und sie dokumentierte den Protest im eigenen Blatt, eine starke, Respekt erheischende Haltung; es gibt also noch starke Journalisten-Persönlichkeiten. Heuschrecken sind gefrässige Tiere, und sie liessen den Ort, an dem sie gehaust haben, in der Regel verwüstet zurück, liessen die Frustrierten verlauten, eine Analogie zum rein profitorientierten Neoliberalismus, dessen gefrässiges Wesen im Allgemeinen noch immer nicht erkannt ist.
 
Zum neuen Chefredakteur der „BZ“ wurde Josef Depenbrock ernannt, der die „Hamburger Morgenpost“, die zu Beginn des Jahres 2006 ebenfalls von der Montgomery-Gruppe gekauft wurde, mit strikten Sparmassnahmen über Wasser halten konnte. Das kommt einem Hinauszögern des vorprogrammierten Untergangs gleich.
 
Die Zeitungs-Agonie
Die Vorkommnisse beim „Bund“ und bei der „Berliner Zeitung“ sind für die Vorgänge im Druckmedienbereich symptomatisch: Statt sich auf ihre Stärken (Kommentare und Hintergrundberichte, Dokumentationen) zu besinnen, specken die Zeitungen inhaltlich ab. Sie glauben jugend- und leserfreundlich zu sein, wenn sie den Kurzfutterbereich („Vermischtes“) ausbauen und zum gedruckten Fernsehen mit Spätzündung werden. Sie schwächen sich damit selber und werden eine leichte Beute für die neoliberalen Heuschrecken, die das Lied der Globalisierung summen.
 
Das bedeutet schnelle Gewinne – wiederum zu Lasten der Qualität. Und dann muss weitergespart werden – und stilrein immer am falschen Ort: Am Inhalt. Wie hiess es doch so schön auf einer Beilage, die „Der Bund“ und die „BZ“ im Rahmen der „Berner Modells“ am 31. Mai 2006 gemeinsam verbreiteten: „Sale – Alles muss raus!“ Der Ausverkauf dürfte von kurzer Dauer sein. Denn es ist ohnehin nicht mehr viel drin.
 
Und die leeren Papierhüllen, die einst Zeitungen waren, dienen dann vielleicht noch eine Zeitlang zum Ausstopfen von nassen Schuhen. Das Klima schafft gerade günstige Voraussetzungen dazu.
 
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